Geschichte von Drołtowice

  • Drukuj zawartość bieżącej strony
  • Zapisz tekst bieżącej strony do PDF

RudelsdorfEin Rückblick auf Dorf und Gut

Von Wilfried von Korn

Die jetzt miteinander verbundenen Rittergüter Ober- und Nieder-Rudelsdorf (Droltowitz) mit der dazu gehörigen Colonie Dyrenfeld (Zawada) und dem Rittergut Radyne (Radyn) hegen in der fruchtbaren Ebene des Wartenberger Kreises, ringsum von Laub- und Nadelholzforsten eingeschlossen, an der Chaussee von Breslau nach Kabsch, 1 3/8 Meilen von Wartenberg, 61 Meilen von Breslau entfernt und beträgt das nach geschehener Servituten-Ablösung noch verbleibende Dominial-Areal 7274 Morgen, wovon 3852 Morgen Eichen- und Kieferforst sind.
Die Nachrichten und Dokumente über den Besitz dieser Güter sind mangelhaft und da Rudelsdorf erst in dem letzten Jahrhundert mit Radyne verbunden wurde, der Besitz ein oft wechselnder und sehr verschiedener. Die noch vorhandenen Kauf-Dokumente von Rudelsdorf nennen als Eigentümer dieser Güter 1661 Georg von Sternberg. 1673 Leonhard Moritz von Prittwitz und Gaffron. 1676 Otto Heinrich von Keltsch und Romberg. 1679 Max Leopold von Greifenstein. 1703 Georg Wenzel von Sahsch und Nassengriff. 1721 Carl Max Freiherr von Dyhrn und Schönau. 1789 Freier Standesherr der Herrschaft Goschütz Graf Reichenbach, wo die Rudelsdorfer Güter mit Radyne im Fortbesitz dieser Familie blieben, bis sie der Vater der gegenwärtigen Besitzer, J. G. Korn aus Breslau, käuflich 1826 erwarb.
Die Nachrichten über Radyne sind älter als die von Rudelsdorf. 1546 erkaufte Matthias von Boischnitz das Gut Radyn mit polnischen Rechten von Joachim von Malzahn, Reichsgrafen zu Wartenberg. 1560 George Ruhr von Rathen. 1597 verkauften die Heinrich Ohm von Januczewsky'sche Vormünder Radyn an Bastian von Köslingen, später kam es an Hans von Koschembahr. 1623 an Cristoph von Koschembahr von Skorkow. 1656 an Johann Christian Schalzen, durch Erbteilung an Wilhelm von Stosz, dann an Peter Moritz von Kotulinsky und der Jeltsch, 1669 an Hans Christoph von Stosch und Siegroth. 1729 an Johann Jacob von Wegu. 1738 an Ferdinand Wilhelm von Deesky. 1757 durch Ernst Freiherr von Dyhrn mit Rudelsdorf vereint. 1789 besitzt es der Freie Standesherr Graf Reichenbach-Goschütz, dessen Erben wir oben erwähnt, Radyne mit Rudelsdorf 1826 an den - Buchhändler J. G. Korn verkauften. Beide Güter gelangten durch Erbschaft an seinen Sohn W. G. Korn, den gegenwärtigen Besitzer.
Die Grundmauern des in Rudeldorf stehenden Wohnhauses sowie das Parterre sind gegen Mitte des vorigen (also 18.) Jahrhunderts errichtet und wurde diesem im Jahre 1827 eine Etage aufgesetzt.
Der vorstehende Text ist eine Chronik der Güter Rudelsdorf und Raydne aus der Mitte des vorigen Jahrhundert, aufgezeichnet auf der Rückseite eines Kupferstiches, das damalige Gutshaus in Rudelsdorf darstellend.
Hieran anschließend ist zu berichten, daß Wilhelm Gottlieb Korn (Sohn des Johann Gottlieb Korn, der das Gut mit dem Vorwerk Radyne 1826 kaufte) der Stifter des Fideikommisses (unveräußerliches und unteilbares Erbgut) war. Dieses erbte nach dem frühzeitigen Tod seines Sohnes Stanislaus dessen noch minderjähriger Sohn Johann Gottlieb (Hans) (geboren 1864). Großjährig übernahm er 1885 den Betrieb, der in der Zwischenzeit von seinem Onkel Ferdinand von Korn verwaltet worden war. Mein Großvater Dr. jur. Hans von Korn, als langjährigster Besitzer, legte den Grundstein zu Rudelsdorfs Blütezeit und zwar nicht nur im Hinblick auf die Wirtschaftsführung des Gutes, sondern auch hinsichtlich zahlreicher Sozialeinrichtungen, von denen alle Dorfbewohner profitierten.

Rudelsdorf hatte laut letzter regulärer Volkszählung im Jahre 1939 ein Zahl von 570 Einwohnern. Die Statistik sagt weiterhin aus, daß die land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen eine Größe von 2016,60 Hektar hatten, in die sich 53 landwirtschaftliche Betriebe teilten. Allerdings waren es außer dem Gutsbetrieb nur etwa 14 bäuerliche Vollerwerbsbetriebe.
Die Dorfform richtete sich nach der Straßenführung der Chaussee von Oels nach Neumittelwalde und der Straße von Festenberg nach Groß Wartenberg. Beide Verbindungen kreuzten sich in Rudelsdorf.
Früheste Zeugen der Siedlungsgeschichte waren eine kunstvoll bearbeitete Steinaxt und verschiedene Tonscherben, die beim Lehmabbau für die ehemals betriebene Ziegelei am äußersten Nordrand des Dorfes gefunden wurden. Daraus können wir schließen, daß schon in der Frühgeschichte eine Siedlung bestanden haben muß, was sich aus der Lage an der West-Ost Handelsstraße erklären läßt. Aus der Neuzeit ist uns ein Bericht überliefert, der die Lage in den schlesischen Grenzbezirken schildert und auch über das Schicksal von Rudelsdorf Auskunft gibt.

"Am Ausgang des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts gestaltete sich die Lage in Schlesiens Grenzbezirken besonders schlimm. Gewaltige politische Erschütterungen im Nachbarland Polen zogen auch die Gebiete des Kreises Groß Wartenberg in Mitleidenschaft. 1697 erwählten die in Parteien gespaltenen Polen gleich zwei Könige auf einmal. Einer davon war der Kurfürst August von Sachsen, der es verstand, seinen Nebenbuhler beiseite zu drücken und schließlich auch die Anerkennung seiner Gegner zu finden. Der Polenkönig August von Sachsen hatte jedoch mit seiner Bündnispolitik wenig Glück und wurde in den sogenannten "Nordischen Krieg" verwickelt, im Verlauf dessen der von seinen Gegnern gewählte Wojwode von Polen, Stanislaus Lesczynski, ebenfalls zum König von Polen ausgerufen wurde. Dieser drang nach dem Siege bei Fraustadt im Jahre 1706 nach Sachsen vor, um den König August zur Verzichtleistung auf den polnischen Thron zu zwingen und schloß 1707 den Frieden von Alt Ranstädt. 1709 kehrte aber August von Sachsen wieder als Polenkönig zurück. Es war begreiflich, daß dieses hin und her in den schlesischen Grenzbezirken allerlei Unsicherheit auslöste. Truppendurchmärsche und Einquartierungslasten, ansteckende Krankheiten unter Mensch und Vieh, Mißwuchs und Mißernten ließen die Bevölkerung ungeheuer leiden. 1699 war die Not so groß, daß die Stände ihre Steuer nicht aufbringen konnten und deshalb mit militärischer Exekution bedroht wurden. Um der aus Polen eingeschleppten Pest weiterhin Zutritt zu verwehren, wurde die ganze Grenzlinie in einer Länge von über drei Meilen verschlagen. Die mächtigsten Eichen und anderes schönstes nutzbares Holz wurden in diesen Schutzwall verbaut. Dadurch sollte der Verkehr über die Grenze abgeschnitten werden. Tag und Nacht ließ man sie bewachen und die Wachen wurden durch sogenannte "Pestdragoner" oder Kommissionare beaufsichtigt. Diese Grenzsperre erregte natürlich das Mißfallen der polnischen Nachbarn und löste einen Racheakt aus. Am 23. Oktober 1709 machten polnische Truppen in Stärke von 15 000 Mann einen überraschenden Einfall in die Gebiete des Kreises Groß Wartenberg. Sie verübten Gewalttätigkeiten aller Art und sorgten für die Verbreitung der Krankheit, ganz zu schweigen von dem Schaden, den sie an Haus und Hof und allen Gütern der betroffenen Gemeinden anrichteten. Am schwersten betroffen wurden die Gemeinden Cammerau, Distelwitz, Rudelsdorf und Stradam."

Nach dieser allgemeinen Beschreibung und den historischen Berichten möchte ich nun überleiten zur eigenen Darstellung des Dorfbildes, wobei ich mich auf Erzählungen meiner elterlichen Familie und auf eigene Erinnerungen stütze. Der Jahresablauf und der Rhythmus des Tages waren in den meisten Bereichen geprägt von den Vorgängen auf dem Gut. Zur Bewirtschaftung des 1873 Hektar großen Betriebes (davon 1073 Hektar Forst) waren einschließlich des Vorwerkes in Radyne etwa 80 Menschen tätig. Im Frühjahr, nach einem meist langen und schneereichen Winter, war die Bestellung der Ackerflächen oft ein Wettlauf mit der Zeit. Die Maschinen waren in der gutseigenen Schmiede und Werkstatt im Winter überholt worden und so zogen fünf Traktoren die Furchen durch das Land, während die Oberflächenarbeit die etwa 30 Pferde übernahmen. In großer Zahl wurden von den im Zuchtbuch eingetragenen Oldenburger Stuten Fohlen gezogen, die auf den ausgedehnten Koppelanlagen in Radyne eine sehr gesunde Aufzucht genossen. Neben einem intensiven Getreideanbau mit Vermehrung von Hochzucht-Elitesorten, wurde entsprechend der teilweise geringen Bodenbonität, eine Fläche von etwa 150 Hektar mit Kartoffeln bebaut. Auch hier handelte es sich zum Teil um anerkannte Hochzuchtsorten, die für bekannte Zuchtunternehmen vermehrt wurden. Der weitaus größere Teil der Ernte wurde auf einem großen Platz in der Nähe der Brennerei eingemietet, um dann in dieser Anlage zu Spiritus und Kartoffelmehl verarbeitet zu werden. Täglich ritt mein Vater über die Felder, um sich einen Eindruck von dem Fortgang der Arbeiten, dem Zustand des Ackers oder der Feldfrüchte zu machen und nahm dabei jede Gelegenheit wahr, um ein Gespräch mit den aufsichtsführenden Vögten oder den Arbeitern zu führen. Kam der Sommer heran, so war es üblich, daß der Gutsherr auf dem Feld, einem alten Brauch folgend, "gebunden" wurde. Nach dem Aufsagen des Reimes

"Wir dienen Grafen und Fürsten und trinken wenn wir dürsten sei es Bier oder Wein es soll unserem Herrn zur Ehre sein"

überreichte die Vorarbeiterin meinem Vater ein kleines Bukett aus Halmfrüchten gebunden mit einer bunten Schleife. Das Einbringen der Ernte bedeutete einen besonderen Höhepunkt und wurde, auch durch den Einsatz vieler junger Helfer, die das "Anfahren" übernahmen, glücklich geschafft. Das Erntefest versammelte dann jung und alt vor dem Schloß. Mein Großvater, später mein Vater, bedankte sich bei allen Mitarbeitern für ihre Leistung und dann wurde mit einem Gedicht eine wunderschöne große Erntekrone von einer Vorarbeiterin überreicht. Gemeinsam sang man mit Begleitung der Musikanten den Choral "Nun danket alle Gott". Ein großer Umzug durchs Dorf schloß sich an.
Die folgende Festveranstaltung hatte das Gasthaus Igel, an der schon beschriebenen Kreuzung gelegen, vorbereitet und nahm nun die Gäste in seinen Räumen oder in dem schönen angeschlossenen Garten auf. Dort wurde auch auf dem errichteten und überdachten Tanzboden eifrig getanzt.
Noch einmal hieß es dann im Herbst alle Kräfte zusammen zu nehmen, um die Kartoffelernte einzubringen. Die großen Vorratsroder bewältigten nur einen Teil der Arbeit und es bedurfte dann vieler, fleißiger Frauenhände, um die anfallenden 50 000 Zentner zu bergen. Im Akkord wurde gearbeitet und für den "Viertelkorb" gab der Vogt eine Mark aus, die dann bei Fräulein Scheermann im Rentamt in bare Münze umgetauscht wurde.

Früh schon, Anfang Oktober, setzten die Nachtfröste ein und die Früchte mußten bis dahin in den Mieten winterfest verpackt sein. In ganz besonderer Weise ist mir das alljährliche Abfischen der verschiedenen Teiche in Erinnerung geblieben. Der "Großteich", an der Grenze vor Groß Woitsdorf, in einer idyllischen Umgebung gelegen, war besonders fischreich. Die Fluder wurden geöffnet und zurück blieb im seichten Wasser und Schlamm zappelnd eine große Anzahl Karpfen und Hechte, die nun mit Käschern eingefangen wurden. Der Inspektor sortierte, angetan mit einer langen Gummischürze, auf einem großen Tisch den Fang, der dann in bereitstehenden Behältern in die Winterteiche abtransportiert wurde. Ein kleines Feuer brannte abseits, um die durchnäßten Männer aufzuwärmen. Wir Jugendlichen zauberten aus unseren Taschen Kartoffeln hervor, die wir dann in der Holzglut rösteten und mit großem Behagen verzehrten.

Spätestens im Dezember setzten dann stärkere Fröste und oftmals auch schon Schneefall ein. In den Scheunen brummten die Dreschmaschinen und große Holzstöße kleingehackten Holzes hinter den Wohnhäusern bei den Stallungen kunstvoll aufgeschichtet, zeugten davon, daß sich die Familien auf einen kalten Winter wohl einzurichten wußten. Die Jugend des Dorfes versammelte sich entweder auf dem Eis des Schäferteiches bei der evangelischen Kirche oder auf dem sogenannten Hofteich. Sommertags waren hier die Gespannführer mit Pferd und Wagen hindurchgefahren, nicht nur zur Erfrischung der Tiere, sondern auch um das Austrocknen der Ackerwagenräder zu verhindern.
Im Wald wurde der umfangreiche Holzeinschlag vorgenommen, wobei nach genauer Absprache mit meinem Großvater oder Vater, Oberförster Urban die Aufsicht führte. Vor und nach Weihnachten fand dann jeweils eine Niederwildjagd statt. Eine detaillierte Beschreibung, dieser in jagdlichen Kreisen hochgeschätzten Ereignisse, würde den Rahmen des gestellten Themas sprengen. Nur soviel ist erwähnenswert und gibt Auskunft über den Wildreichtum sowie fachkundliche Hege der Verantwortlichen, daß in den guten Jahren, die vor meiner Erinnerungszeit liegen, über 1000 Stück Niederwild zur Strecke kamen.
Jetzt im Winter war es auch die rechte Zeit für das Eisfahren. Das große Eishaus an der Straße zur Brennerei gelegen, mußte mit vielen Wagenladungen voller Eisstücke gefüllt werden. Das in besonderer Weise isolierte Gebäude diente mit den rückwärtig gelegenen Wildkammern das ganze Jahr über zur Aufbewahrung der für den Verzehr oder zum Verkauf bestimmten Stücke Wild.
Zum Weihnachtsfest versammelte sich die Dorfbevölkerung zu den kirchlichen Andachten im evangelischen oder katholischen Gotteshaus. Für die Kinder der auf dem Gut beschäftigten Arbeiter war in der sogenannten Kleinkinderschule eine Weihnachtsbescherung vorbereitet und kaum einer der Beteiligten, ob Kinder oder Eltern, wird je diese Feierstunde und Glückseligkeit in der niedrigen Stube dieses schlichten Hauses vergessen können. In der evangelischen Schule fanden sich die Schüler beider Konfessionen zur Weihnachtsfeier ein. Die Kinder des Gutes erhielten kleine Geschenke und alle einen großen Pfefferkuchenmann. Lehrer Sprotte hatte einen dreistimmigen Chor eingeübt und erfreute meines Vaters Familie mit den schönen alten Weihnachtsliedern. Solange Herr Sprotte Organist war, sang der Chor auch zur Christnacht in der evangelischen Kirche. Später übernahm dann Fräulein Hanna Pahl, die Tochter des pensionierten Inspektors, das Amt des Organisten. Nach dieser Schilderung eines Jahresablaufs aus der Sicht der Geschehnisse auf dem Gut, möchte ich nun überleiten in einen etwas allgemeiner gehaltenen Teil der Dorfbeschreibung. Rudelsdorf lag auf einem Hochplateau in einer Höhe von 200 m ü. NN. Das kontinentale Klima mit kalten, oft langen Wintern und heißen Sommern, bestimmte den Witterungsablauf. Nach drei Seiten war der Ort von großen Waldflächen umgeben, die bis etwa 1000 m an das Dorf heranreichten. Nur nach Südosten öffnete sich der Waldgürtel, in dessen Mitte sich der feuchte Niederungsbereich der Weide hinzog. Dieser Nebenfluß der Oder entsprang im Rudelsdorfer Wald, im Jagen 45, wenige 100 m südlich der Festenberger Chaussee.
Es hat wohl schon seit langer Zeit zwei konfessionell getrennte Schulen im Dorf gegeben, bedingt durch einen etwa 40%igen katholischen Anteil der Bewohner. Etwa um die Jahrhundertwende wurde diese einfache, holzverkleidete einklassige katholische Schule am gleichen Platz durch einen Massivbau ersetzt. Hier war gleichfalls die Lehrerwohnung vorgesehen. Die evangelische "Hauptschule" war, wahrscheinlich auch bis zur Jahrhundertwende, in der späteren Schwesternstation eingerichtet, eine zweite, recht primitive Art existierte hinter dem katholischen Pfarrhaus. Ein Neubau an der Chaussee nach Groß Wartenberg mit zwei Lehrerwohnungen, erfüllte dann die gestiegenen Ansprüche nach besseren pädagogischen Voraussetzungen.Die größeren Schulen waren nun auch in der Lage, die Kinder aus den umliegenden Dörfern Radyne, Ellguth und Dyhrnfeld mit aufzunehmen. Die schon erwähnte Schwesternstation war eine Einrichtung, die vom Gut getragen wurde. Eine Diakonisseschwester vom Breslauer Mutterhaus Lehmgruben pflegte die Kranken und betätigte sich gleichzeitig auch als Kindergärtnerin. Hier konnten die Familien der Gutsarbeiter ihre Kinder einer sicheren Obhut übergeben.
Eine katholische Kirche in Rudelsdorf hat es schon im Jahre 1322 gegeben. Im Jahre 1922 wurde das 600jährige Jubiläum in Anwesenheit des Fürstbischofs aus Breslau gefeiert.
Nach der Reformation wurde das Gotteshaus vorübergehend von protestantischen Gläubigen benutzt. Wie alt der heute noch bestehende Kirchenbau ist, läßt sich nicht mehr feststellen. Der letzte katholische Geistliche hat mit viel Hingabe und auch mit einer gewissen künstlerischen Begabung den Innenraum in Eigenarbeit selbst neu gestaltet und farbig ausgeschmückt. Um die Kirche herum lag ein alter Friedhof, auf dem neben einer Reihe von Geistlichen auch ein Vorfahr meiner Familie begraben wurde.
Ein bedeutendes Ereignis im katholischen Kirchenleben unseres Dorfes fällt in meine Erinnerungszeit. Im August 1934 besuchte Fürst Erzbischof Adolf Kardinal Bertram aus Breslau seine Pfarrgemeinde in Rudelsdorf. Mein Großvater, als Patron beider Konfessionen, und auch mein Vater nahmen an dem festlichen Empfang teil (siehe Abbildung). Eine im Jahre 1973 veröffentlichte Laudatio würdigt diesen 1859 in Hildesheim geborenen Geistlichen als eine der bedeutendsten und profiliertesten Persönlichkeiten des katholischen Deutschland des 20. Jahrhunderts. Er erlebte die Flucht und die Vertreibung seiner Diözesanen, das Martyrium Schlesiens und die Zerstörung der Stadt Breslau. Die Festschrift stellte fest, daß am 6. Juli 1945 mit Adolf Kardinal Bertram das deutsche Schlesien starb.

Eine evangelische Kirche wurde erst im Jahre 1900 von meinem Großvater gebaut. Zunächst entstand eine Kapelle, ein Gebäude ohne Turm und mit flachem Pappdach. Die Gestalt der richtigen Kirche bekam sie 1903 durch den Bau des Turmes und des hohen Ziegeldaches. Unter dem deprimierenden Eindruck der großen Dürre 1904, ließ mein Großvater auf dem Rundbogen über der Altarapsis den Spruch "Dein Wille geschehe" und über dem Ausgang "Befiehl dem Herrn Deine Wege" anbringen. Den Hintergrund des Altarraumes bildeten drei große bunte Fenster. Sie zeigten im unteren Teil jeweils ein Wappen: Das mittlere das des Spenders, des Prinzen Biron, rechts und links waren die Wappen der Familien von Korn und von Lüttwitz dargestellt. Ein Harmonium unterstützte den Gemeindegesang. Später, Ende der dreißiger Jahre, wurde eine Orgel installiert. An Stelle einer Kanzel stand links vor dem Altarraum ein Lesepult. Die Christfeier, am 24. Dezember, war nicht nur für die Kinder ein besonders festliches Ereignis.
Ein viele Meter hoher, über und über mit Kerzen geschmückter Tannenbaum stand im Altarraum. Als einzige Beleuchtung strahlten viele Kerzen in den Bankreihen. Wenn dann in den Glockenton hinein das helle Schlittengeläut erklang, das die Ankunft des Geistlichen aus Groß Wartenberg ankündigte, dann zog in alle Herzen Weihnachtsstimmung ein.
Die evangelische Kirche lag an der Chaussee gegenüber dem Schäferteich, unmittelbar neben der Mauer, die die Schloßgärtnerei begrenzte. Hinter dem Kirchengrundstück schloß sich unser Familienfriedhof an, auf dem meine Urgroßeltern begraben waren und meine Großmutter ihre letzte Ruhe fand.
Etwa in der Mitte des Dorfes, umgeben von der weitläufigen Anlage eines gepflegten Parkes stand das Schloß. Dem alten Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert wurde 1827 eine Etage aufgesetzt. Diesem Mittelbau wurde 1889 (kurz vor der Heirat von Hans von Korn mit Lidy Freiin von Lüttwitz) ein nach Süden gelegener Flügel angebaut. Als Gegenstück dazu entstand 1898 ein entsprechender Flügel auf der Nordseite. 1907/08 kam nach Süden ein weiterer Anbau dazu, mit einem großen Festsaal. Ein Turm mit rundem Helm prägte von nun an die Silhouette des Dorfes neu.

Vor der Jahrhundertwende war die Post in der Gastwirtschaft Igel, in der sogenannten Poststube untergebracht. Etwa 1912 gab es dann gegenüber der Schwesternstation ein richtiges Postgebäude, in dem sich auch die Dienstwohnung des Postbeamten befand. Ein gelber Postwagen, von einem Pferd gezogen, vermittelte einmal täglich die Verbindung zur Bahnstation in Stradam. Später wurde die Strecke von modernen, motorisierten Fahrzeugen befahren, die als sogenannte Postomnibusse die Beförderung von Personen mit der zweimal täglichen Postzustellung verbanden. Recht mühsam war für die Landwirtschaft und alle Gewerbetreibende der Weg von und zur Bahnstation. Von dem 10 km entfernten Stradam führte die Eisenbahnstrecke östlich nach Kempen und Ostrowo und in westlicher Richtung nach Oels, von wo man dann nach Umsteigen in eine andere Linie die von Rudelsdorf 50 km entfernte Hauptstadt Schlesiens, Breslau, erreichte. Erst später, etwa 1910, wurde das 7 km entfernte Bukowine an die Bahnstrecke Großgraben-Neumittelwalde angeschlossen. Im Zuge einer Bahnlinienerweiterung war auch geplant, nahe vom Vorwerk Radine eine Station für eine neue Strecke Neumittelwalde - Namslau einzurichten, jedoch beendete der Kriegsbeginn 1939 die Fortführung dieser Arbeiten. Täglich fuhr vom Gut ein gummibereifter Pferdewagen die Milch der etwa 80 Kühe zur Molkerei nach Stradam.
Bevor die neue Zeit mit Kolonialwarenläden, Fleischerei und Bäckerei in Rudelsdorf ihren Einzug hielt (etwa um 1910) war vieles anders: Als wichtige Verbindung zur Außenwelt betätigte sich die sogenannte "Semmelmuttel". Ein- bis zweimal in der Woche kam sie aus Festenberg ins Dorf und zwar zu Fuß! Sie lief die etwa 10 km hin und ebenso wieder zurück über Gahle, durch weite einsame Waldstrecken, ihre "Ware" in einem ausgedienten Kinderwagen vor sich her schiebend, bei Wind und Wetter. Da sie in der Hauptsache Semmeln beförderte, blieb der Name Semmelmuttel an ihr hängen.
In meinem letzten Abschnitt über Rudelsdorf möchte ich noch einiges sagen über die Menschen, die in meiner Erlebniszeit mit dazu beitrugen, dem Ort sein Gepräge zu verleihen. Das soll natürlich gegenüber anderen, nicht Genannten, keine Wertmessung sein. Auch über Festlichkeiten, Ereignisse und verschiedene Einrichtungen werde ich noch etwas erzählen.
Ich sehe Inspektor Pahl mit seinem Einspänner über die Felder fahren, sein junger Nachfolger, Herr Brandt, war mit seinem Kleinkraftrad ständig unterwegs. Fräulein Scheermann, bewährte Kraft im Rentamt, war die Stütze meines Vaters bei allen Büroarbeiten und im Aufgabenbereich des Amtsvorstehers, dessen Pflichten mein Vater ebenfalls zu erfüllen hatte. Hier wurden Löhne errechnet und ausgezahlt, sowie die gesamte Buchhaltung geführt. Oberförster Urban wohnte idyllisch außerhalb des Dorfes an der Chaussee nach Oels auf einem Forsthof mit einem Forstgebäude im oberbayrischen Stil mit umlaufendem, hölzernen Balkon. Ihm war es vergönnt, im Herbst 1944 den wohl besten und stärksten Hirsch, der in der Rudelsdorfer Forst je zur Strecke kam, zu erlegen. Südwärts der Chaussee nach Oels, dort wo sich der Wald öffnete und die bis zum Großteich sich hinziehenden Waldwiesen begannen, wohnte Waldarbeiter Gänsel mit seiner Familie. Stille, scheue Kinder waren es, die jeden Tag von dort ihren langen Weg durch den Wald liefen, um die Schule zu besuchen. Kaum bemerkt von uns Schulkameraden, verschwanden sie dann wieder.
Diesem Haus gegenüber pflanzte mein Ururgroßvater im Jahre 1876 anläßlich des 50jährigen Besitzjubiläums 50 Eichen, die in meiner Erinnerungszeit zu einem stattlichen Hain herangewachsen waren. Ein Gedenkstein mit Inschrift und Datum erinnerte nachfolgende Generationen an diesen Ursprung. Dort auf den Waldwiesen, in einem Bestand von mächtigen Eichen, die viele hundert Jahre alt waren, veranstaltete der Kriegerverein alljährlich das Waldfest. Zuvor zogen die Veteranen, die Blasmusik voran, durchs Dorf und gaben vor dem Schloß ein kleines Ständchen. Dann ging es die Kirschallee entlang zum Festplatz. Da wurden Verkaufsstände aufgebaut, es gab Leckereien für die Kinder und man vergnügte sich an den im bescheidenen Rahmen aufgebauten Belustigungen. Nicht wegzudenken aus meiner Erinnerung, bei meinen als Junge eigentlich täglichen Besuchen, sind Kutscher und Chauffeur Paul Reimann mit seinen vorzüglich geputzten Pferden und Autos, sowie der großen Anzahl Kutsch- und Jagdwagen. Stellmacher Kulla und die Schmiede Soika und Hoppe arbeiteten in ihren modern eingerichteten Werkstätten.
Die ursprüngliche Gutsschmiede lag an der Dorfstraße, die entlang der Weide führte. Hierzu gehörte als Wohnhaus eines der ältesten Gebäude des Ortes. Hier machte sich Schmiedemeister Boin selbständig, nachdem eine neue Schmiede, auf dem Wagenhof, seitwärts des Kuhstalles eingerichtet worden war, die den erhöhten Anforderungen des mechanisierten Gutes gerecht werden konnte.

In der katholischen Schule machte Lehrer Blümel die Kinder mit der Schreib- und Lesekunst vertraut. Gleichzeitig nahm Herr Blümel die Geschäfte der Spar- und Darlehnskasse wahr. Lehrer Sprotte und Gerlach waren für den Schulbetrieb in der evangelischen Schule verantwortlich.
Alle Artikel des täglichen Bedarfs konnte man im Dorf einkaufen. Kolonialwaren gab es bei Herzog, später Richter und bei Jacob. Fleischer Nitschke hatte wohlschmeckende Kalbasse und an die Semmeln und Mohnstriezeln von der Bäckerei Klubsch denke ich heute noch zurück, weil sie unübertroffen waren. Auch im Gasthaus Igel wurden Schlachterzeugnisse angeboten, verbunden mit einem Glas Sacrauer oder Kipke Bier. Gegenüber von Igel bestand ein kleiner Wirtschaftshof, genannt - die Brauerei -. Dort wurde in früheren Zeiten Bier gebraut, aufgrund des verbrieften Brauereirechts. Im Salon Malcharek konnte man sich sein Haupt verschönern lassen. Herr und Frau Dettke hatten als Posthalter viel zu tun. Da war die örtliche Telefonzentrale zu bedienen und die zweimal täglich ein- und ausgehende Post abzufertigen bzw. auszutragen. Dabei waren auch teilweise die umliegenden Dörfer zu bedienen und sein weitester Weg mit dem Fahrrad war die Strecke nach Groß-Gahle.

Die katholische Pfarrei im Ort betreute Pfarrer Steinfels. Er wohnte gegenüber seiner Kirche auf einem stattlichen Anwesen, in einem schönen großen Haus. Mehrere Morgen Land gehörten zum Pfarramt, die von verschiedenen Bauern der katholischen Gemeinde bearbeitet wurden.
Zum sonntäglichen Gottesdienst wurde früher von Gemeindevorsteher Kleinert in einer zweispännigen Kutsche der Vikar aus Ober-Stradam abgeholt. Nachdem er dann nach seiner Amtsverrichtung im Schloß mit meinen Großeltern zu Mittag gegessen hatte, wurde er wieder zurückgebracht. Später hielt den Gottesdienst ein Pastor aus Groß Wartenberg ab, zu meiner Zeit war es Pastor Werner Seibt, heute Propst in Neustadt/Holstein. An dieser Stelle sei auch des alten Kirchendieners Sperling gedacht und seines Nachfolgers August Faden, der nach mehr als zwanzig Jahren treuer Dienstzeit als Kutscher und Chauffeur meines Großvaters dieses Amt übernahm.
Auf dem Schäfereihof an der Chaussee nach Oels, betreute Schäfer Stolper, später sein Enkel Max und im Krieg dann, neben seiner Tätigkeit als Bauer, Hermann Surek die Schafe.
Zum Sommeranfang zog die Jugend zum "Sommersingen" von Haus zu Haus. Bunte Stöcke führten sie mit sich, an denen viele farbige Papierstreifen hingen. Dann wurde mehr laut als schön gesungen

"Rot Gewand, rot Gewand,
schöne grüne Linden,
suchen wir, suchen wir,
wo wir etwas finden.
Gehen wir in den grünen Wald,
sing'n die Vöglein jung und alt,
Frau Wirtin, sind Sie drinnen?
Sind Sie drinnen, komm'se raus,
bring'n se uns ne Gabe raus,
lassen se uns nicht so lange steh'n,
wir müssen noch a'Häusel weiter gehn."

In einem Korb wurden dann die Geschenke eingesammelt und man zog zufrieden weiter. Bei der Schwesternstation ging ein schöner breiter Sandweg nach Osten. Etwa 500 in hinter Rudelsdorf lag der Gemeindefriedhof. Eingehüllt von alten Bäumen, Büschen und Hecken, sah man hier die gepflegten Gräberreihen. Der Weg führte dann weiter und nach knapp einem halben Kilometer erreichte man Radine. Der Ort gehörte zur Gemeinde Rudelsdorf. Neben dem Rudelsdorfer Vorwerk waren hier mehrere Bauern ansässig. Am sogenannten Hälterberg, gleich hinter dem Hof, erhob sich ein allem Anschein nach künstlich angelegter Ringhügel in runder Form, mit einem Graben umgeben. Der Ursprung dieser Anlage läßt sich nicht genau feststellen, jedoch ist anzunehmen, daß es sich um eine Schutzanlage für die Bevölkerung handelte, um sich vor übergriffen in unruhigen Zeiten zu schützen. Nach Osten war der Ort ganz umgeben von großen Wiesenflächen, Koppeln, Teichen, Baum- und Buschgruppen. Eine wunderschöne Landschaft, belebt von zahlreichem Jungvieh und Fohlen, das auf diesen Anlagen bestens gedieh.
Bevor ich nun zur Schilderung des letzten schicksalbestimmenden Abschnittes unseres Dorfes komme, möchte ich nachfolgend ein Bild von meinem Großvater und Vater zeichnen, von den Männern, die durch Weitblick und Tatkraft Gut und Dorf zu beachtenswertem Wohlstand verhalfen.
Seit 1661 war es den zahlreichen Vorbesitzern des Gutes nicht gelungen, den Besitz länger als jeweils etwa 50 Jahre in einer Hand zu halten. Es waren sicherlich äußerst schwierige und ungünstige Verhältnisse, unter denen die rationelle Bewirtschaftung litt. Fehlende Verkehrsverbindungen und geringe Bodenqualität führten zu extensiver Betriebsführung. Auf großen Brachflächen weideten die Schafe aus drei Schäfereien, von denen nur die eine auf dem sogenannten Oberhof bis in die Jetztzeit erhalten blieb. Zahlreiche Teiche und sumpfige Wiesen waren die Folge fehlender Meliorationen. Mein Großvater hat dann recht bald in der Erkenntnis für das Notwendige, entscheidende Maßnahmen eingeleitet:
Mit dem bisherigen "jungen Mann", Herrn Pahl als Inspektor, wurden erhebliche Investitionen vorgenommen, die zur Sanierung auf vielen Gebieten führten. So wurde z. B. der etwa 10-12 ha große "Strachotschin" Anfang des Jahrhunderts aufgeforstet. Nach vorheriger gründlicher Entwässerung der total versumpften und ertraglosen Fläche (z. T. Teiche) durch ein ungewöhnlich tiefes Grabensystem, entstand ein zunächst vorwiegend jagdlich genutztes Wäldchen mit sehr wüchsigen Fichten und Erlen. Mehr Stallraum entstand und mit der verstärkten Viehhaltung verbesserte sich die Bodenqualität. Mit der Einschränkung der Schafhaltung wurde die Brachwirtschaft aufgegeben.
Die besondere Liebe zum Wald, die fachgerechte Bewirtschaftung dieses Betriebszweiges, hat mein Großvater von seinem Großvater übernommen. Verständlich, daß sich mit dieser Hingabe eine Hege des Wildes und große Jagdpassion verband. Mit der Erlegung eines Wolfes im Rudelsdorfer Wald im Jahre 1924, wurde sein Name weit über Schlesiens Grenzen hinaus bekannt. Während ausgedehnter Reisen, die ihn nach Nordskandinavien, Ungarn, in die Türkei, Italien, Griechenland und nach Palästina führten, versäumte Großvater keine Gelegenheit, sein ständiges Streben nach Wissen, Bildung und Erweiterung des Horizontes zu erfüllen. Hierfür stand ihm auch seine mit viel Liebe und Sachverstand zusammengetragene umfangreiche Bibliothek zur Verfügung. Im Regiment der Leibkürassiere in Breslau diente mein Großvater und wurde nach zwei Reserveübungen zum Rittmeister ernannt. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges übernahm er als Chef die Ersatzschwadron des Regiments.
Seine vielseitigen Interessen und geistige Regsamkeit veranlaßten meinen Großvater zur Erweiterung seines Betätigungsfeldes. Er ließ sich, noch vor der Jahrhundertwende, als Kandidat der konservativen Partei zum preußischen Landtag aufstellen und wurde gewählt. Während seiner 25jährigen Tätigkeit in Berlin erhielt er auch Einladungen an den Hof und wurde bei einer dieser Gelegenheiten dem Kaiser vorgestellt. Auf der Klosterschule Schulpforte erhielt mein Großvater eine humanistische Bildung. Dieses Bildungsideal der griechisch-römischen Antike bestimmte seinen ganzen Lebensweg. Die edle Menschlichkeit dieser Geistesrichtung praktizierte er im besten Sinne gegenüber allen Menschen und in seinem Tun und Handeln. Seine preußische Einstellung prägten sein Wesen vom einfachen und sparsamen Leben. Zahlreiche Ehrenämter übte er in diesem Sinne aus, als Patron der evangelischen und katholischen Kirche, als Amtsvorsteher und Standesbeamter, als Mitglied des Aufsichtsrates der Reichsmonopolverwaltung für Spiritus in Berlin und als stellvertretender, im Ersten Weltkrieg praktizierender, Landrat des Kreises Groß Wartenberg, als Landesältester (Mitglied der "Schlesischen Landschaft", einer von Friedrich dem Großen gegründeten Finanzinstitution für Landwirte.) Es war ihm nicht vergönnt, seine letzte Ruhestätte an der Seite seiner im Jahre 1940 verstorbenen Ehefrau Lidy, geborene Freiin von Lüttwitz, in Rudelsdorf zu finden. Er erlag im Alter von 80 Jahren den Strapazen der Flucht am 6. Februar 1945 und wurde in Goldberg/Schlesien beigesetzt. Mein Vater trat im Jahre 1925 in die Wirtschaftsführung des Rittergutes mit ein und bezog im selben Jahr das für ihn erbaute "Neue Haus".
Erst 1921 war er aus siebenjähriger russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, die ihn durch die Schreckenslager von Sibirien führte.
Eine kurze, aber sehr intensive landwirtschaftliche Ausbildung befähigten ihn sehr bald, betriebswirtschaftliche Fehler zu erkennen und auszumerzen. Der hohe Bestand an Zugtieren wurde radikal abgebaut und schon bald arbeiteten die ersten Traktoren auf dem Feld. Die Betriebsausgaben konnten durch Personaleinschränkungen reduziert werden, eine Intensiv-Fruchtfolge brachte bessere Ernteergebnisse. Herr Brandt, als junger neuer Inspektor, unterstützte meinen Vater weitgehend bei der Einführung moderner Wirtschaftsmethoden. Es gelang ihm, den Betrieb ohne Aufnahme staatlicher Kredite, der sogenannten Osthilfe, erfolgreich aus der allgemeinen Wirtschaftsmisere heraus zum Erfolg und zu einer Blütezeit zu führen. Neben der Intensivierung des Feldbaues, durch Anwendung moderner Düngemethoden und Zwischenfruchtbau, galt seine Aufmerksamkeit der Viehzucht. Ein in Ostfriesland gekaufter Bulle beeinflußte entscheidend die neue Zuchtrichtung und bald stand im Kuhstall eine anerkannt Tbc-freie Herde von 80 Kühen mit absoluten Hochleistungen und besten Ergebnissen auf den Auktionen. Mit Hilfe eines Jahr für Jahr vom Landgestüt Fürstenstein zur Verfügung gestellten Zuchthengstes, entwickelte sich im Pferdestall ein Bestand von reinen Oldenburger Zuchtstuten, von deren Nachzucht jedes Jahr an die Wehrmacht eine Anzahl Remonten verkauft wurden. Nach seiner Schulzeit in Oels studierte mein Vater in Heidelberg, Oxford und Halle und schloß mit dem Staatsexamen als Referendar der Rechte ab. Als Soldat diente er im Kavallerieregiment der Leibkürassiere in Breslau. Am 20. November 1914 geriet er als Leutnant bei einem Patrouillen-Ritt in russische Gefangenschaft.

Mein Vater hat seine Passion zum Beruf des Soldaten nie verleugnet. Sie verband sich mit der Notwendigkeit und Pflichterfüllung, als er im Kreis Groß Wartenberg zum Schutz gegen die ständigen übergriffe des östlichen Nachbarn den Grenzschutz aufbaute, eine paramilitärische Truppe, die alle Schichten wehrfähiger Männer des Kreises erfaßte.
Nach mehrfachen Reserveübungen wurde mein Vater zum Major der Reserve befördert. Als solcher machte er den Einmarsch in Polen mit und war mit seinem Bataillon maßgeblich an dem Durchbruch durch die Maginotlinie im Südabschnitt der Westfront beteiligt. Die restlichen Kriegsjahre war er vom Wehrdienst freigestellt und bemühte sich um die erschwerte Wirtschaftsführung unseres Betriebes und war beratend auf Nachbargütern tätig, deren Besitzer eingezogen waren. Nach dem Krieg schuf mein Vater eine neue Basis für die Familie auf dem Pachthof Vogelsang unseres Vetters Baron von Oldershausen im Kreis Osterode/Harz. Er starb am 19. April 1965.
Schon Mitte August 1939 kündigte sich das Kriegsgeschehen in Rudelsdorf und in der ganzen Umgebung an. In den meisten Häusern waren Soldaten einquartiert und der Wald steckte voller Fahrzeuge mit Kriegsgerät. Im Schloß hatte sich der Armeestab des General Ulex einquartiert und hinter dem Park landeten auf dem Kleefeld Kurierflugzeuge. Später dann, nach dem 1. September, dröhnten Tag und Nacht Fahrzeugkolonnen gen Osten durch unseren Ort. Einberufungen zum Wehrdienst, Fahrzeugstillegungen, Treibstoff- und Materialbeschränkungen aller Art, verminderten die Aktivitäten in allen Bereichen des dörflichen Lebens. Hinzu kam ab etwa 1943, eine immer größer werdende Anzahl von "Bombenflüchtlingen", Familien, die im Rheinland ihr Hab und Gut verloren hatten und die nun in Rudelsdorf eine Notaufnahme fanden.

Dann setzte der Winter 1944-1945 ein. Es fielen Schneemassen und das Thermometer sank unter minus 15 Grad. Die Nachrichten von der Front wurden immer bedrohlicher. Mit Macht rückten die russischen Truppen auf die schlesische Grenze zu. Alle wehrfähigen Männer standen längst unter den Waffen, polnische Arbeiter waren an die Stelle der deutschen getreten. Immer noch verhinderte die Parteileitung die Organisation eines Trecks, oder gar den Abtransport von Frauen und Kindern. Bis dann am 20. Januar die Dämme brachen:
Russische Panzer standen unmittelbar bei Neumittelwalde und konnten in wenigen Stunden das Dorf erreichen. Mit fast 30 Pferden und Wagen des Gutes verließen die Einwohner ihre Heimat, ihr ganzes Hab und Gut bestand nur aus dem Notwendigsten. Mein Vater blieb bis zum 23. Januar und floh mit den letzten Getreuen, darunter Oberförster Urban, Lehrer Blümel und einigen Siedlern aus Bischdorf, auf abenteuerlichen Wegen nach Westen. Unter den wenigen Zurückgebliebenen gab es Verluste. Das Ehepaar Buchner, Pfarrer Steinfels und seine Haushälterin, Herr Mathysek aus Radine. Schäfer Surek überlebte und wurde später ausgewiesen. Viele Häuser sind zerstört worden oder gingen in Flammen auf, darunter das Schloß, Brennerei, Gasthaus Igel, das Haus von Schuhmacher Wiezorek, die Bäckerei, Post, katholisches Pfarrhaus, katholische Schule und andere. Die vielhundertjährige Geschichte eines Dorfes und damit das Ergebnis des Schaffensfleißes von vielen Generationen fanden ihr Ende. Die Heimat als elementarer Wert einer zivilisierten Welt war das Opfer.

 

Hoher Besuch in der katholischen Pfarrei in Rudelsdorf im August 1934. Adolf Kardinal Bertram, Fürsterzbischof von Breslau mit Dr. Hans von Korn-Rudelsdorf (Patron der ev. und kath. Kirche in Rudelsdorf) und dessen Sohn Stanislaus von Korn-Rudelsdorf im Hintergrund, im Gespräche mit Pfarrer Steinfels, der beim Einmarsch der Russen von russischen Soldaten erschossen wurde. Kardinal Bertram wurde am 14. März 1859 in Hildesheim geboren, 1881 zum Priester geweiht, war ab 1894 Domkapitular und 1905 Generalvikar. Unter Papst Pius X. erhielt er am 15. August 1906 die Weihe zum Bischof von Hildesheim. Papst Benedikt XV. berief den Oberhirten von Hildesheim im September 1914 zum Fürstbischof von Breslau und ernannte ihn im Dezember 1916 zum Kardinal. Im August 1930 erhob Papst Pius der XI. den Kardinal zum Erzbischof Kardinal Bertram war seit 1920 Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz und als solcher einer der führenden Männer des deutschen Episkopats und der katholischen Aktion. Nebenher war er ein fruchtbarer religiöser Schriftsteller. Er kannte fünf Päpste: Leo XIII., Pius X., Benedikt XV., Pius XI. und Pius XII. Auf Kundgebungen und in Hirtenbriefen erhob er seine Stimme gegen den Nationalsozialismus. Er erlebte zwei Weltkriege, die Flucht und Vertreibung seiner Diözesanen, das Martyrium Schlesiens und die Zerstörung der Stadt Breslau. Als er am 6. Juli 1945 auf Schloß Johannesberg bei Jauernig starb, war er 86 Jahre alt.

Vor dem Schloß auf der Kutsche von li.: Stanisl. von Korn, Dr. H. von Korn, Kutscher Paul Reimann. Im Hintergrund August Swiecznik, während 23 Jahre treuer Diener des Hauses v. Korn.

Neues Haus, mit der letzten Generation von Korn, die in Rudelsdorf geboren wurde (Hans- Wilhelm, Wilfried, Ilsabe)

 

 

 

Galeria


  • Powiększ zdjęcie
  • Powiększ zdjęcie
  • Powiększ zdjęcie
  • Powiększ zdjęcie
  • Powiększ zdjęcie
  • Powiększ zdjęcie